Carmen-Francesca Banciu

Vaterflucht


Sie war geflohen vor den Verhältnissen, vor allem aber vor ihrem Vater. Er, der Unfehlbare, der treu ergebene Parteifunktionär, hatte sie von Kindheit an unter Druck gesetzt: Du darfst keine Fehler machen! Das überaus begabte Mädchen, das Vorzeigekind, lebt so, wie der Vater es erzogen hat - und gerät gerade dadurch in Konflikt mit ihm. Als der Geheimdienst die junge Studentin wochenlang verhört, weil sie eine Demonstration vorbereiten wollte, empfindet dies der Vater als unendliche Schande, ihre Ausreise in den Westen als Verrat. Nun ist sie auf dem Weg zu ihm, die unverarbeiteten Gefühle und Gedanken im Gepäck. Die Zeit im Westen hat sie verändert, aber alte Prägungen lassen sich nicht so leicht tilgen. Plötzlich ist sie wieder die Tochter von damals, will nicht enttäuschen, spürt die beklemmende Angst zu versagen. Doch alles in ihr rebelliert dagegen.
 

"Besonders gewinnendherausragend an Carmen-Francesca Bancius Prosa ist ihre scheinbare Einfachheit. Sie enthält keine langenSätze, vielmehr sogar einzelne Worte, die im Kontext alswie Sätze klingen/ als Sätze fungieren: „Oder.“ „Damit.“ „Ertragen.“ „Unterdrücken.“ „Klavier.“ „Englisch.“ „Violine.“ Gleichzeitig wiederholen sich ganze Passagen in einer ahnungsvoll-balladesken Form. Zudem übernimmt sie IdeologemenIdeologien, Worthülsen und Phrasen des Kommunismus ohne Anführungsstriche und setzt sie gleichsam zwischen unsichtbaren Gänsefüßchen. Sie könnten sogar als postmodern verwendete Gasttexte missverstanden werden, hätte man nicht gewusst, wie untrennbar in jener versunkenen Welt Wahrheit und Lüge nebeneinander existierten. Oder wie auch heute Trauer und Trost, Verzweiflung und Hoffnung händehaltend Hände haltend durch die Welt wandern."

– aus dem Nachwort von György Dalos

Carmen-Francesca Banciu

Carmen-Francesca Banciu, im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei und Außenhandel in Bukarest. Die Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung Das strahlende Ghetto (1985) hatte für sie ein Publikationsverbot in Rumänien zur Folge.

Sie kam 1991 ihren drei Kindern nach Deutschland auf Einladung des Künstlerprogramms des DAAD. Seit 1992 lebt sie als freie Autorin in Berlin, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreativität und kreatives Schreiben.

Ihre Bücher sind erschienen bei den Verlagen: Rotbuch Berlin, Rotbuch Hamburg, Volk und Welt, Ullstein Berlin und PalmArtPress. Seit 2013 ist sie Mitherausgeberin und stellvertretende Direktorin des transnationalen, interdisziplinären und mehrsprachigen e-Magazins Levure Littéraire. Banciu erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt wurde der Roman Lebt wohl, Ihr Genossen und Geleibten für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.