Karl Corino

Lebenslinien

„Die Linien des Lebens sind verschieden / wie Wege sind und wie der Berge Grenzen“, dichtete der späte Hölderlin. Der neue Band Lebenslinien von Karl Corino knüpft an diese Verse an und zieht anlässlich seines 75. Geburtstags eine Summe aus seinem bisherigen lyrischen oeuvre, aus Ungedrucktem und Gedruckten, wobei vor allem die Bände Tür-Stürze, In Bebons Tal. Neue Bilder aus Bebenhausen, Vademecum. Balladen über die Jugend in einer kleinen Stadt und Falltüren des Himmels. Eine kleine Vogelkunde zu nennen sind.

 Karl Corino, wie der Name andeutet Spross einer italienischen Familie, die vor 400 Jahren aus Glaubensgründen nach Deutschland auswanderte und sich dann in Franken niederließ, vergleicht sein Leben als „Studierter“, als Journalist und Bio- graph, häufig mit der Existenz derer „vor ihm“, der Bauern und Handwerker rund um den Hesselberg, den Zeugenberg der Franken, hat aber auch schreibende Kollegen wie Christian Wagner und Robert Musil (oder die Droste-Hülshoff) im Blick. Ein Focus auf die DDR darf dabei nicht fehlen, zumal Corino fast 20 Jahre lang im Hessischen Rundfunk das Magazin Transit.Kultur in der DDR moderierte.

Die Bildwelt Corinos ist stark von der agrarischen Welt geprägt, in der er aufwuchs, und von der Gartenlandschaft in Tübingen, seinem „Elisium“, in dem er seit 2003 mit seiner Frau Elisabeth Albertsen lebt: ein locus amoenus, von dem aus die Gedanken wandern bis zurück in die Antike oder in die Abgründe ‘schwarzer Genetik’ zu Stalin-Zeiten.

 

LEBENSLINIEN

I

Verwundert schaute sie

im frühen Licht auf

diese Gegend zwischen

Kinn und Schlüsselbein

die Spanne reichte kaum

die Breite auszumessen

schnurdick die Sehnen

Ein Hals der Beilen

Arbeit machte einen Blick

nicht tragen kann

II

Die vor ihm Stifter

dieses Turms aus Fleisch

und Bein Mühlknechte

Stangenreiter ihr Lebtag

eingejocht wie Stiere

Er selber manche Fuhre

Getreide hochgeschleppt

drei Treppen fast vornüber

gefallen fast abgebrochen

unter den Maltersäcken

Manche laufen schön

leben leicht

andre stehen mit einer Last

auf schwanken immer zu große

Schritte

Karl Carino

Karl Carino, geboren 1942 in Ehingen, Mittelfranken. 1952-1961 Humanistisches Gymnasium in Dinkelsbühl. 1961-1966 Studium der Germanistik, Philologie und Alt­philologie in Erlangen und Tübingen. 1966-1967 Katalogisierung und Studium von Robert Musils Nachlaß in Rom, zusammen mit seiner späteren Frau Elisabeth Albertsen. 1969 Promotion bei Friedrich Beißner in Tübingen mit Studien zu einer historisch-­kritischen Ausgabe von Robert Musils Novellenband "Vereinigungen". Seit 1970 Re­dakteur in der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks Frankfurt, von 1985-2002 deren Leiter. Gastprofessuren in Pisa, Essen und St. Louis. 1997-1998 Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Lebt seither als freier Schriftsteller in Tübingen . -Corino veröffentlichte neben Sammelbänden über "Intellektuelle im Bann des Nationalsozialis­mus", über "Genie und Geld", über Fälschungen drei Standardwerke über Robert Musil: "Leben und Werk in Bildern und Texten" . Reinbek 1988. -"Robert Musil. Eine Biogra­phie", Reinbek 2003. -En face -Texte von Augenzeugen. Erinnerungen an Robert Musil", Wädenswil 2010. Außerdem zahlreiche Publikationen zur DDR-Literatur, u.a. "Die Akte Kant. IM Martin, die Stasi und die Literatur in Ost und West", Reinbek 1995, und "Außen Marmor, innen Gips, Die Legenden des Stephan Hermlin", Düsseldorf 1996.

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