Irene Stratenwerth

Hurdy Gurdy Girl

Eine weite Reise durch die Nacht

 

Luise Ludwig ist 17, als sie im Sommer 1863 in der Wetterau aufbricht. Für drei Jahre ist sie als Tanzmädchen bei einem sogenannten Landgänger verdingt. Diese Männer ziehen mit jungen Mädchen aus den verelendeten, hessischen Bauerndörfern in die Fremde, um sie zum Tanzen und Trinken zu vermieten -zunächst in Kalifornien, dann in British Columbia (heute Kanada). Dort, wo der Goldrausch massenhaft Männer anlockt, ist mit jungen Frauen viel Geld zu verdienen. Von einer Reise in die Neue Welt hat Luise lange geträumt, doch sie wird bitter enttäuscht: Mutterseelenallein strandet sie in einem Bordell in San Francisco. Nachdem ihr die Flucht ins kanadische Goldgräberland gelungen ist, will sie bald nur noch eins: zurück in die Heimat. Was sie auf ihrer abenteuerlichen Reise erlebt, was sie daraus lernt und wer ihr begegnet erzählt die Autorin historisch präzise und packend. Zum ersten Mal spielt ein Roman in der Welt, die vor über hundert Jahren viele deutsche Auswanderer anzog und manche reich machte.

 

Auszug aus dem Buch:

Für ein paar Minuten sind sie mit Köberer allein im Saloon. Der düstere Gastraum, der nur von ein paar Öllampen beleuchtet wird, ist eigentlich nicht mehr als ein grob gezimmerter Bretterverschlag. In einigen Wochen wird er bereits wieder leer stehen. Kalter Wind wird dann über den Tanzboden in der Mitte des Raumes pfeifen und Schnee wird durch die Löcher im Dach herabrieseln. Wenn es Winter wird in den Bergen rund um den Lake Tahoe, bleibt kaum jemand freiwillig im Goldgräbergebiet. Der Abend beginnt mit einem schrillen Quäken, Stöhnen, Pfeifen und Klingeln aus Köberers tragbarer Drehorgel. Luise kennt die fünf oder sechs Melodien, die er aus dem schwarzen Kasten herausleiern kann, längst auswendig. Schon vor dem ersten Ton weiss sie, welches Stück als nächstes erklingen wird. Und doch erwacht mit diesen Tönen für einen kurzen Moment wieder die Sehnsucht in ihr. Wie damals, in den Gassen von Langenhain, träumt sie von Amerika. Von einem Land, in dem sie in Wirklichkeit längst angekommen ist. Ihre erste Runde müssen die Mädchen in ihren bauschigen Röcken allein auf dem Tanzboden drehen und sich von allen Seiten begutachten lassen. Erst danach nimmt der Wirt Bestellungen für Tänze und Drinks entgegen.

Irene Stratenwerth

Irene Stratenwerth lebt und arbeitet als Journalistin und Buch-Autorin in Hamburg. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum Berlin kuratierte sie mehrere historische Ausstellungen und Begleitbände. „Der Gelbe Schein. Mädchenhandel 1860 bis 1930“ wurde 2012 in Berlin und Bremerhaven gezeigt und erforschte erstmals die Geschichte unzähliger junger Frauen, die aus Europa in die „Neue Welt“ auswanderten.

Jüngste Publikationen: „Meine abgeschminkten Jahre“ (mit Stefanie Giesselbach), Piper Verlag 2017; „Marie Jalowicz: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin, 1940-1945“. Fischer Verlag 2014.