Wolf Christian Schröder

Die Weißweintrinker

 

Glaubenssehnsucht in einer entzauberten Welt

Zwei Brüder im Geiste und Rivalen vor dem Herrn bereiten sich auf ihr Theologieexamen vor; gottvertrauend der eine, zweifelnd der andere. In der Endphase des gemeinsamen Lernens spüren sie in der Schrift den verborgenen Hinweisen auf Berufung und Erwählung nach. Immer wieder aber wird der Zweifler heimgesucht von der Idee, statt Priester lieber „Weißweintrinker“ zu werden, „um aller Welt Streiche zu spielen.“ Und während sie bei Tage den vierfachen Schriftsinn oder die Bedeutung des alten Bundes diskutieren, ringen sie nachts mit Gott oder schlafen mit Maria. Ginge es nach dem Zweifler, würde dieser Zustand zwischen Erinnerung und Erwartung, leichtsinnigem Scherz und letztem Ernst ewig währen. „Zwischen den Punkten, wo etwas geschieht, in den Momenten des Wartens, dort ist das Gold des Lebens zu finden“.

 

Auszug aus dem Buch:

Es ist Mai, draußen blühen die Bäume, auf der Neckarinsel gehen Liebespaare auf und ab und warten darauf, dass es dunkel wird. König und ich aber sitzen im Stiftszimmer und lernen für unsere Prüfung. König mit großem Ernst, mit dem schönen Ernst, den er sich erworben hat in den Studienjahren, ich mit dem Summen im Kopf: König, König, glaubst du wirklich? Laut aber sage ich in das altehrwürdige Zimmerchen hinein, in dem schon die besten Köpfe des Landes gesessen hatten: Sollen wir uns noch mal die Patristik vornehmen? Lass uns Theologie studieren, hatte König gesagt. Warum nicht? hatte ich gedacht, da es nicht aussah nach einem Leben mit vielen Frauen und anderen Abenteuern. Und ich hatte mich nicht schlecht geschlagen, unter Aufbietung all meiner Willenskraft hatte ich tatsächlich fast zum Glauben gefunden, war nun Kandidat, genau wie König. Was aber soll ich anfangen mit den Seelen von andern, wenn meine eigene mir vorkommt, als sei sie nicht innen, wo es keine Materie mehr gibt …

Mir kommt es vor, als säße meine Seele außen, ein schäbiges, an mir herunterschlotterndes Gewand. Guck mal den da, mit seiner Aussenseele! König antwortet nicht gleich auf die Frage nach der Patristik, und so blicke ich, um ihm Zeit zu geben, an die Wand seines Stiftzimmers. Eine Kopie hängt dort, nein, ein Kunstdruck von Rembrandts „Apostel Paulus“, es zeigt einen Greis, würdig und fröhlich, dem es sicher Spaß macht an Gott zu glauben, der sich freut eine neue Religion zu organisieren; er sitzt dort, einen Griffel in der Hand, das weiße Haar steht ihm unte nehmungslustig vom Kopf ab. So wartet er auf schöne Formulierungen. „Und auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl im Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe.“ So wie dieser überlegene, ja arrogante Greis, so wollte auch ich gern dasitzen, von niemand geringerem als vom ersten Maler gemalt. Nur die Prüfung noch, dann wirst du deine Gottlosigkeit gestehen.

Wolf Christian Schröder

Wolf Christian Schröder wurde in Bremen geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er in Kiel und Tübingen, später in England. Danach Studium der Slawistik an der Freien Universität Berlin. Dramenübersetzungen aus dem Russischen und Englischen. Erster Roman: „Dronte, eine Geschichte aus der Freizeit.“ Schreiben eigener Bühnenstücke, Auftrag für das Hamburger Schauspielhaus. Weitere Stücke in Hamburg, Hannover, Münster, Aachen und Konstanz uraufgeführt. Libretto zum Musical „Die Liebe“ im Ballhaus Ost, Berlin. Performance im Literaturhaus Berlin zur Romanvorstellung „Harthaus“. Zuletzt erschien der Roman „Honka mordet nicht mehr“.

Alfred-Döblin-Stipendium; Arbeitsstipendium Künstlerhaus Villa Waldberta, Starnberger See. 

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