Wolfgang Hermann

Der Lichtgeher

 

Ein Schatten löst sich vom hitzeflimmernden Horizont.

Es ist eine namenlose Savanne im tiefen Afrika.

Es ist Noël, der nach der Ermordung seiner Freundin als Flüchtling in Mitteleuropa landet, wo er nach einiger Zeit als beliebter Barkeeper Fuß fasst. Sein einzigartiger Charme, sein Witz, seine menschliche Wärme sind es, die ihm Türen öffnen. Zwischen Noël, Martha, ihrem gemeinsamen Sohn Julian, sowie Hans, der in Noël zum ersten Mal einen Menschen erkennt, der ihn sieht und akzeptiert, wie er ist, entspinnt sich ein dichtes Netz aus Nähe.

 

Auszug aus dem Buch:

Die Sonne hatte ihren Scheitelpunkt noch nicht erreicht. Die Ebene war ein Fluß aus Licht. Etwas ging durch diesen Fluß aus Licht. Es war ein Streifen, etwas Schweres, das nur langsam vorankam. Etwas hing, und an dem, was da hing, hing noch etwas. Es bewegte sich. Es hatte ein Bein, vielleicht mehrere Beine. Es war ein Körper. Durch diesen Körper flossen Blutströme, die sich in Kapillaren verloren. Hitze umschloss diesen Körper, der um sein Überleben kämpfte. Das Licht wollte diesen Körper aufnehmen, ihn ausdörren und zum Verschwinden bringen. Die Hitze drang in diesen Körper ein, denn er verlangte nach Luft, und indem er sie einsog, sog er die Hitze in sich ein. Einmal im Körper, arbeitete sie sich in die feinsten Verästelungen vor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Hitze den Körper besiegen würde. Dieser Körper bewegte sich auf Beinen, die hingen, und an denen etwas hing. Auf diesen Beinen saß ein Rumpf, auf dem eine Kugel saß. In dieser Kugel hämmerte das Blut, und das Blut erzeugte Bilder, die diesen Körper vorantrieben.

 

Stimmen über Wolfgang Hermann und "Der Lichtgeher":

"Sehr gut komponiert und eine Sprache, die mich manchmal an Camus DER FREMDE erinnert hat. Auch bei dem Thema, das mich mit Wucht erinnert, dass nichts gelöst ist (siehe Moria). Sehr berührend und aktuell." –   Hannes Hametner, Regisseur 

Wolfgang Hermann

Wolfgang Hermann, geboren 1961 in Bregenz, studierte Philosophie in Wien, anschließend lange Aufenthalte in verschiedenen Ländern. 1996 – 98 Lektor an der Sophia Universität in Tokyo. Zahlreiche Preise, u.a. Jürgen Ponto Preis 1987, Anton Wildgans Preis 2006. Zahlreiche Bücher, von „Das schön Leben“ (Hanser 1988) über u.a. „Herr Faustini verreist“, „Abschied ohne Ende“, „Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald“, „Das japanische Fährtenbuch“ bis zuletzt „Munks Theorie“ und „Walter oder die ganze Welt“.

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