Eve Joseph

Wortgefechte

 

Die Gedichte in dieser Sammlung greifen nach etwas anderem als nach der Wahrheit, nach dem Wunderbaren. Blätter fallen aus Mantelärmeln, Gandhi schwimmt im Burrard Inlet. Die Gedichte sind wie leere Mäntel, aus denen die Bewohner kürzlich entflohen sind und Bilder hinterlassen haben als Schlüssel zu ihrer Identität. Es gibt Sprünge zwischen den Logiken innerhalb der Gedichte und es sind diese unlogischen Räume, wo alles zusammenkommt, wie beim Heben des Dirigentenstabs zu Beginn eines Musikstücks, wo, wie Arvo Pärt es ausdrückte, das Potential des Ganzen existiert.

Eve Joseph richtet in diesem erstaunlichen und verdichteten Werk von Prosa-Gedichten ihren Fokus zurück auf die Poesie.
 

Auszüge aus dem Buch:
 

DER ZUG BLIES durch den Bahnhof ohne zu bremsen. Auf dem Bahnsteig wurden Babys aus ihren Kinderwagen gehoben und fielen wieder herab in die Arme von Fremden. Niemand konnte herausfinden, wer zu wem gehörte. Es war eine Lotterie von Müttern und Vätern, einsamen Tanten und kinderlosen Paaren. Ein Mann, der genauso aussah wie ich, schnappte mich auf und zusammen gingen wir nach Hause, um uns mit meiner Mutter zu treffen, die am Küchentisch an einem Puzzlespiel arbeitete. Ich passte genau ins Bild, aber mein Vater nicht. Er war nicht blau wie der Himmel oder grau wie die gewölbte Brücke. Der Bahnhof war mit Hüten übersät. Ich stellte eine Bude auf und verkaufte sie mit geringem Gewinn. Mein Vater strahlte vor Stolz.

                                                                                                         * * *

JETZT, DA ICH AN DER SEE lebe, bin ich mir nie sicher, was der Tag bringen wird. Möwen stampfen auf dem Dach herum wie schwerfällige Herumtreiber und lassen mich aus dem Schlaf schrecken. Zerbrochene Muschelschalen liegen im Garten zerstreut: Sandmuschel, Auster und herausgerissene Beisszangen von Krebsen, gezähnt wie Nussknacker. Ich stehe am Fenster, nippe an meinem Morgenkaffee, als ich sie sehe. Meine Mutter rudert im Regen gegen die Strömung an. Ich lege meine Hände zu einem Trichter um den Mund und brülle: Komm rein auf einen Gin Tonic. Es ist nicht dieses schreckliche Rudern Richtung Gott, nichts, was so dramatisch wäre. Es ist nur sie, nach all diesen Jahren, das Knarren der Rudergabeln, und ein wenig Kielwasser, das hinterhertrudelt. Wie der glücklose Aischylos gehe ich barhäuptig und vergesse, nach oben zu sehen, auf das, was auf mich herabgestürzt kommen könnte.

 

Stimmen zum Buch:
 

„Eve Joseph bewegt sich geschickt zwischen Perspektiven und Stimmen, jede einzelne deutlich und einnehmend, während sie immer wieder Bilder anbietet, die dem Leser noch lange im Gedächtnis bleiben, ‚beleuchtet wie Laternen, die in den Nachthimmel schweben‘ …“

— Andrea MacPherson, Canadian Literature
 

„Eve Joseph reicht uns den goldenen Schlüssel, der ein schillerndes Wunder erschließt; ihre Prosagedichte glitzern. Charles Simics Ausspruch zufolge, lässt sie viele Leerstellen und erzählt uns doch alles.“

— M. A. C. Farrant, Autor von The World Afloat

Eve Joseph

Eve Joseph ist in North Vancouver, British Columbia, aufgewachsen und lebt jetzt in Victoria. Zwei Gedichtbände, The Startled Heart (Oolichan, 2004) und The Secret Signature of Things (Brick, 2010), wurden beide für den Dorothy Livesay Award nominiert. Ihr Sachbuch In the Slender Margin wurde 2014 von HarperCollins veröffentlicht und mit dem Hubert Evans Award für Sachbücher ausgezeichnet. Die jüngste Veröffentlichung, Quarrels, Wortgefechte, wurde 2019 mit dem Griffin Poetry Prize ausgezeichnet.