Karin Reschke

Trümmerland Kinderland

Literarische Nachträge einer Kindheit im zerbombten Berlin.

Kaleidoskopisch aufgegriffen und vor dem Verschwinden festgehalten, erinnert die Schreiberin ein Kinderland im Puzzle der Trümmer, als hätte es nie anderes gegeben.

Die Scherben der Zivilisation bilden die Spielwiese der Kinder in den aufgerissenen Straßen und Ruinen. Die Ich-Erzählerin hantiert unter verschiedenen Namen und Adressen, bewegt sich scheinbar leichtfüßig von Schauplatz zu Schauplatz. Halbwüchsig, Orientierung suchend, so erzogen, wie es sich in der Nachkriegszeit gehört erlebt sie den Neuanfang: Leiser Widerstand regt sich gegen Vormünder zu Hause, in der Schule und unter ihresgleichen.

Auszug aus dem Buch:

Kissenschlachten endeten meistens im Fenstereck mit einer weichen Landung der Wurfgeschosse.
Unsere Betten standen im rechten Winkel zum Fenster, wir knieten jeweils
am Fußende unserer Matratzen und zielten mit allen verfügbaren Kleidungsstücken auf
einander. Decken, Taschentüchern, Kniestrümpfen, Leibchen, langen Unterhosen. Die
Kopfkissen waren tabu, weil sie nicht so schnell schmutzig werden durften. Außerdem
erhielten wir Verbot, unser Zeug querfeldein zu werfen. Die Durchgangsschneise galt als
öffentlicher Raum und musste frei bleiben von Hindernissen. Viele Spielsachen besaßen
wir ohnehin nicht, Unordnung entstand darum fast nie. Unter unserem einzigen Tisch
verbarg sich eine ramponierte Zinkwanne, in der Bauklötze, Puppe Berta, schieläugig,
Buntpapier, Ausschneidepappen, Muscheln, Eicheln und Kastanien unsere Schätze bildeten.
Der Nachtwächter hing an meinen Fersen, ein Klammeraffe mit schulterlangen Goldlocken,
Mamas Liebling, Braunaugen, die blitzartig lachen und sogleich finster dreinblicken
konnten, wenn er seinen Willen nicht bekam. Ich liebte, hasste ihn und verteidigte
ihn naturgemäß vor dem Gespött auf der Straße. Man trug als zukünftiger Mann damals
keine langen Locken, keine grünen Samthosen (aus alten Vorhängen genäht). Er
hätte raufen sollen mit den Straßenkumpanen und Fußball spielen, er lehnte immer ab,
kroch unter meinen Rock. Gehen wir lieber Türen einrennen, sagte er dann bittend, vom
Gehänsel der Meute zermürbt.
So verschwanden wir fast täglich von den Spielorten, Trümmerplätzen.
Nur die Mädchen ließ er an sich heran, meine Freundinnen. Sie kämmten ihn, flochten
ihm Zöpfe, verkleideten ihn, er schmeichelte ihren Albernheiten, ihrem Gekitzel. Baby
Nachtwächter lag in ihren Armen, besonnt vom Milchlicht in unserem Bahnhofszimmer.

Karin Reschke

Karin Reschke, in Krakau geboren, studierte in München Germanistik. Anschließend war sie als Journalistin und Literaturkritikerin tätig. Werke u. a.: "Memoiren eines Kindes" (1980, 2. Aufl. 1982), "Verfolgte des Glücks - Findebuch der Henriette Vogel" (1982, 4. Aufl. 1983), "Diese Tage über Nacht" (1984)," Margarethe" (1987), "Das Lachen im Wald" (1993), "Die Asphaltvenus" (1994), "Kuschelfisch" (1996), "Spiel Ende" (2000), "Kalter Hund" (2009). 1979 und 1985 wurde sie mit Preisen des Berliner Senats und 1982 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgezeichnet, 1995 erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis und 1998 den Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen. Sie lebt in Berlin.