Klaus Ferentschik

Kalininberg & Königsgrad

Große Miniaturen

75. Todestag Königsberg = 75. Geburtstag Kaliningrad

Diese literarischen Miniaturen beziehen sich auf Persönlichkeiten, Plätze, Gebäude, Monumente, Dokumente, Skulpturen u. a. aus dem heutigen Kaliningrad sowie einstigen Königsberg. Sie verdeutlichen einmal mehr, dass beide untrennbar zusammengehören, selbst wenn das eine vor 75 Jahren aufgehört hat, offiziell zu existieren. So verbinden die Geschichten Geschichte und Gegenwart, aber es geht dabei nicht nur um Denkmäler und Gedenksteine, sondern auch um eifriges Marktwesen, fischende Menschen, streunende Katzen usw. Illustriert sind einige Texte durch Fotos des Autors - extra angefertigt für diese literarischen Miniaturen.

Auszüge aus dem Buch:

KOSMONAUTENMONUMENT

Er weiß genau, wie wichtig es ist, Druck abzulassen, denn sonst wäre Alexej Archipowitsch Leonow kugelgleich einer Odyssee im Weltall ausgesetzt gewesen und würde, möglicherweise heute noch,   schweben. Er war der erste Mensch, der ein Raumschiff verlassen und sich frei im All bewegt hat, nur durch eine Leine mit der Raketenkapsel verbunden, in die er nach knapp einer Viertelstunde zurückkehren wollte. Aber plötzlich passte er nicht mehr durch die Einstiegsluke, das Hochvakuum, das im All überall herrscht, hatte den Raumanzug aufgebläht und nur geschicktes Manövrieren mit dem Lüftungsventil - im Anzug auf Höhe der rechten Rippen angebracht - ermöglichte ihm, Druck abzulassen, wieder ins Raumschiff einzusteigen und zur Erde zurückzukehren. Einem stets wiederkehrenden Alptraum gleich, setzte sich dieses Erlebnis tief in seinem Innern fest, so dass er schließlich zu malen begann, um es in seinen Bildern zu überwinden. Er war der erste, der bewiesen und verkündet hat: im All lässt es sich leben und arbeiten; lieferte Vorlagen für Drehbücher und ist der einzige malende Künstler unter den Weltallfahrern, was das ihm gebührende Kaliningrader Kosmonautenmonument zwar nicht betont, aber zweifelsfrei ausstrahlt - und zwar in aller Deutlichkeit.

ALLES, ABER AUCH ABSOLUT ALLES

Kaliningrad ist durchzogen von einem kollektiven Marktsystem. Überall stehen oder sitzen Menschen und bieten Waren aller Arten an; an Straßenkreuzungen, am Wegesrand, unter Brücken, oder in Höfen. Sie kommen aus nah und fern, um eventuell einen Korb voll frischem Obst und/oder Gemüse zu verkaufen bzw. zu tauschen: Du hast, was ich brauche und ich habe, was Du brauchst. Professionelle Händler haben ihre Stände in einem der offiziellen Märkte oder im Hauptmarkt, einem Riesenquartier mit allem drin und drum und dran, 365 Tage im Jahr geöffnet, voller Produkte aus dem gesamten Reich der russischen Föderation, inklusive Küken, Käuzchen, Kätzchen, Köterchen und sonstigem Kleingetier, angeboten in einer Extrahalle nahedem Wäldchen, in dem heimlich allerlei Drogen erworben werden können, lauter illegale Substanzen, was wohl weit weniger ratsam ist, als einen Vodka in einem der Marktcafés, um anschließend den Kauf in vermeintlichen Unsinn zu treiben und einen völlig verrosteten Zündschlüssel zu kaufen, noch dazu von einer Automarke, die es längst nicht mehr gibt - denn hier bekommen Sie alles, aber auch absolut alles.

Klaus Ferentschik

Klaus Ferentschik, geb. 1957 im badischen Graben, Regent im Collège de ‘Pataphysique, Dr. phil., Verfasser einer geschlechtsspezifischen Romantrilogie, eines Buches über ‘Pataphysik, eines über Gsellmanns Weltmaschine (Der Weltmaschinenroman), einer Biographie über Friedrich Schröder-Sonnenstern (in: Klaus Ferentschik / Peter Gorsen: Friedrich Schröder-Sonnenstern und sein Kosmos) sowie einer Kabelenzyklopädie, die 777 Begriffe definiert, in denen die Vokabel Kabel vorkommt; lebt in Berlin.