Katharina Rist

Das Gedächtnis der Fremde

In Das Gedächtnis der Fremde wird viel durchs Leben gefahren, von A nach B, zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod. Wenn’s keinen Himmel mehr gibt, nur Zugdach, die Figuren nur im Übergang daheim sind, warten die einen auf ein Wiedereinbrechen der Kindheit, andere auf etwas, das Schlüssel werden könnte und weitere auf das Schweigen, in dem das Wort seine Heimat findet.

Ebenso spielt sich die Reise ab zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen, Welt und Unterwelt, dem Noch-nicht, aber Doch-schon. Das Unterwegssein speist sich an Traum und Hoffnung auf Heimat, die auch im Verlorenen zuhause sein mag, Erinnerungen, die auch von Dingen geboren werden können, und Liebe, die in windigen Stiefeln davonflattert. Und wenn dunkle Metaphern Hoffnungslosigkeit suggerieren, der Alte Riese die Welt nicht mehr trägt und die Welt zu verlöschen scheint, gibt es doch immer wieder Zeichen, daß durch Sprache die Grenzen überwunden werden können, die Welt auch noch im Fall wächst, der Raum sich öffnet und den Zugang zum Himmel freilegt und Erlösung möglich wird - wie zum Beispiel in einem friedlichen Bad der Welt in der Wanne mit Eisbär und Kind.

Das Oszillieren zwischen den Welten macht auch vor der Sprache keinen Halt. So ist das letzte Kapitel der deutsch-britischen Autorin in englischer Sprache verfasst.

Auszug

Augenzeugen

Dem Gehenden ist zu viel Zeit gegeben, als dass er noch fliehen könnte vor dem Sehen. Die Dinge, die angeschaut werden, starren zurück, als wollten sie sich spiegeln, doch beladen bis an den Rand mit eigenen Dingen, fällt der Spiegelblick ins Leere. Zu unschuldig sind sie, die Dinge am Wegesrand, als dass sie mithalten könnten mit der Beliebigkeit der Menschensöhne.

Stimmen zum Buch

Katharina Rists Oeuvre unternimmt den Versuch, die Umrisse einer postbabylonischen Universalrede zu präkonstruieren, einer Sprache, die wohl in Zungen redet, den österlichen Ernst aber vergessen macht zugunsten puren Feierns.

Hartmut Kasper

Katharina Rists Texte sind gekennzeichnet von ungewöhnlichen Wortschöpfungen und Experimenten im Umgang mit der Sprache. Bewusst bricht die Künstlerin in ihren Texten mit den traditionellen Ausdrucksformen und sucht abseits des Standardvokabulars nach Formen des Ausdrucks. Das Anliegen von Katharina Rist ist es, die Zuhörer zu sensibilisieren für das Gewöhnliche, den Alltag, in dem immer auch ein entdeckenswertes Detail zu finden ist.

Zeitung für Darmstadt, Stefan Hess