Carmen-Francesca Banciu

Mother's Day

Song of a Sad Mother

Mutter entschied über Leben und Tod. Über Leben und Tod meiner Puppen. Sie sind nur Puppen. Sie sind keine Lebewesen. Und wenn sie es wären. Du sollst dich nicht auf andere verlassen. Als ich am ersten Schultag nach Hause kam, waren sie weg. Es roch nach Verbranntem im Haus: Du brauchst sie nicht mehr. Die Asche habe ich weggebracht.

Maria-Maria hatte sich von ihrer dominanten Mutter lange vor ihrem physischen Tod losgerissen, oder zumindest hatte sie das gedacht. Weder die grausamen Peitschenhiebe der Mutter, noch ihre schneidende Kritik hatten sie davon abhalten können, die Werte und Ideale zurückzuweisen, die die autoritären und zur kommunistischen Partei linientreuen Eltern immer so in Ehren gehalten hatten. Zu deren unaussprechlicher Bestürzung setzte sie ihre künstlerischen Talente nicht dazu ein, Ceauşescus Modell des „neuen Menschen“ darzustellen. Ganz im Gegenteil, sie schwelgte regelrecht darin, eben nicht perfekt zu sein, und brach zu einer Reise der Selbstfindung auf, um zu entdecken, was es bedeutet, ein eigenständiges „Ich“ zu sein, das nicht dadurch definiert wird, die Tochter ihrer Mutter oder die Mutter einer eigenen Tochter zu sein. Indem sie alles aufs Spiel setzt, um sich von der primären Bindung zu befreien, die sie sowohl unterdrückt, als sich ihr auch entzieht, öffnet sich Maria-Maria und erreicht das Unerwartete.

Banciu erforscht einen kompromisslosen Kampf um die eigene Identität, mit einer einzigartigen Stimme, die verwundbar und authentisch ist, emotional und schonungslos ehrlich. Weit hinausgehend über eine literarische Studie über die komplexe Dynamik, die Mütter und Töchter unauflöslich bindet und gleichzeitig abstößt, ist Bancius „Muttertag – Lied einer traurigen Mutter“ eine mutige Reflexion darüber, was es heißt, ein eigenständiges „Selbst“ zu werden und dies zu akzeptieren, mit allen Entsagungen und Belohnungen, die diese schwierige Reise mit sich bringt.

Maria-Maria schaut ihre Erlebnisse noch einmal an. Die Erlebnisse ihres früheren Lebens. Aus der Ferne. Aus einer anderen Perspektive. Schwingt sich mit ihnen empor. Nimmt sie an. Verleibt sie sich ein.

„Es gelingt Banciu in ihrem ideologischen Wimmelbild erstaunlich souverän und zudem stilistisch erfreulich lebhaft, Familienund Sozialismusgeschichte ineinander zu blenden.. „ (Hendrik Werner – Die Welt)

"Das Lied der traurigen Mutter» ist ein künstlerisch überzeugendes Buch, das eindrucksvoll vom Leben in
der Knautschzone zwischen Ideologie und schlechter Tradition erzählt." (Judith Leister - Neue Zürcher Zeitung)

VIMEO: https://vimeo.com/120415651 

Über die Autorin

Carmen-Francesca Banciu

Carmen-Francesca Banciu, im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei... Mehr