Juan Ramón Jiménez

Tagebuch eines frischvermählten Dichters

Im Jahr 1916 unternahm Juan Ramón Jiménez eine Schiffsreise von Cádiz nach New York, um dort Zenobia Camprubí zu heiraten, mit der er seit drei Jahren liiert war. Zenobia würde man heute als „starke Frau“ bezeichnen – in Spanien wird sie seit langem von Feministinnen auf den Schild gehoben. Gebildet und unternehmungsfreudig, war sie gleichzeitig eine Stütze ihres Mannes, dessen literarische Interessen sie teilte. In seinem lyrischen Tagebuch erzählt Juan Ramón Jíménez von seiner langen Reise, vom späten Ausgang aus der Welt seiner andalusischen Kindheit, von den in der Neuen Welt empfangenen Eindrücken, von Sehnsucht und Vereinigung. Drei Motivstränge – Meer, Liebe und Amerika – werden in diesem Buch kunstvoll miteinander verflochten. Neben impressionistisch beschreibenden Stücken und elementaren, dabei oft ambivalenten Gedichten, die auf Jiménez‘ spätere poesía pura vorausweisen, findet man auch satirische Texte, die die amerikanische Gesellschaft aufs Korn nehmen. Das Tagebuch eines frischvermählten Dichters zeugt nicht zuletzt von der Neugier, die europäische Literaten den in rasantem Aufschwung begriffenen USA entgegebrachten. Es ist ein unmittelbarer Vorläufer von García Lorcas Dichter in New York.

„Ich glaube, es ist mein bestes Buch“, sagte Juan Ramón Jiménez über das Tagebuch eines frischvermählten Dichters wenige Monate vor seinem Tod. „Ich sehe es bereits als etwas Historisches, etwas, das außerhalb von mir steht. Es ist ein Buch der Entdeckungen, abgesehen davon, daß mit ihm die Bewegung der Verse ändert, die poetische Syntax. Mit dem Tagebuch beginnt der moderne Symbolismus in der spanischen Dichtung. Seine offensichtliche Weltanschauung besteht im Widerstreit zwischen Himmel, Liebe und Meer.“

 

MEER

Es scheint, Meer, daß du kämpfst

− endloses Chaos, unaufhörlich Eisen! –,

um dich zu finden, oder daß ich dich fände!

O gewaltiges Dich-Zeigen

in deiner Nacktheit allein

ohne Gefährtin ... ohne Gefährten

je nach dem, ob du mir Meer bist oder See –,

das vollständige Schauspiel

unserer heutigen Welt erschaffend!

Du bist wie gebärend,

gibst dich ans Licht – mit welcher Mühe! –,

gibst dich dir selbst, einziges Meer!,

gebärst dich, dich allein in der selben

einzigen Fülle der Vollkommenheiten,

um dich zu finden oder ... daß ich dich fände!