Signe Ibbeken

auf einer lichtung steht ein tiefgefrorenes reh

berichte aus einer großen stadt

Durch kaum merkliche Verrückungen erhalten scheinbar alltägliche Situationen plötzlich eine überraschende Deutung. Texte zum Kopfaufräumen sind so entstanden, zum Träumen, zum Weitertreiben, weg aus festgefügten Denk- und Wahrnehmungsmustern, hinein in ein geöffnetes Imaginationsfeld.

Ein altes Paar auf einer Bank: „Haben wir an den Blumenkohl gedacht?“ Oder im Vorbeigehen: „Hat der Mann `Tag` oder `Quak` gesagt?“

Und eines Tages hockt ein Engel nachts vor einem Kühlschrank und isst eine Wurst...

Haben wir uns verhört? Verschaut? Oder ist es nicht einfach so, dass alles leichter wäre, „wenn jeder am linken Arm ein prächtiges Federbüschel trüge“? Mit den Texten von Signe Ibbeken können wir uns ab-, auf- und davonheben – sicherlich aber verändert zurückkehren ins notwendig Reale.


ALS KIND KONNTE ICH SCHWEBEN BIS UNTER DIE DECKE. JETZT IST ES MIR WIEDER PASSIERT: BEI DIESEM BUCH. - Lioba Happel

 

Auszüge aus dem Buch

wofür ist diese stunde gemacht? ein caféhaustisch unter einem blühenden hortensienbusch. hummeln fliegen ein und aus, sogar ein pianist spielt. durch die geöffnete verandatür kann ich ihn hören. doch was ist mit dieser stunde gemeint? dass ich den mann am nebentisch betrachte, der schon seit einer ewigkeit in sein handy spricht, während seine mutter, eine wunderschöne greisin, mit verlegenem lächeln neben ihm sitzt? wie unhöflich, sage ich zu dir, wie kann ich dem mann das klarmachen? geh hin und verpasse ihm eine SCHALLENDE ohrfeige, sagst du und schaust wieder in deine zeitung. erst als wind aufkommt und hoch oben die äste der kiefern schüttelt und einzelne kienäpfel wie geschosse auf unseren tisch fallen und der pianist jetzt tatsächlich les feuilles mortes spielt und ein neuer wind aufkommt und sich schwarze wolken vor die sonne schieben und endlich endlich die zeit anhält, denke ich: - dafür.

lll

ich atme. das schaf aus. das ich gestern. gegessen habe.

lll

manchmal, mitten in der nacht, gehe ich ans fenster und öffne es weit. dann lehne ich mich hinaus und lausche. sehr weit in der ferne höre ich ein heulen. bin ich das?

lll

in diesem jahr gibt es bei der s-bahn zum ersten mal keinen winterfahrplan mehr. auch persönliche auskünfte werden nicht erteilt, da die fahrer wegen der großen kälte die fenster ihrer führerhäuschen nicht mehr öffnen dürfen. die menschen müssen den fahrern vom gesicht ablesen, wohin die fahrt geht. sowieso halten die meisten züge nicht mehr, kaum noch jemand steigt aus. die sitze und sogar die fußböden sind mit fellen ausgelegt. auf klapptischchen stehen thermoskannen mit heißem Fliedertee, von der decke hängen kopfhörer mit abenteuergeschichten, und das frieren in dieser stadt hat endlich ein ende.