Beat Mundwiler

Ansichtskarten

Eine Erzählung

Das Leben ist eine Reise oder besteht aus solchen. Vielleicht ist es eine Pilgerreise. Ein Leben kann auch wie eine Bergtour sein und nur aus Aufstieg bestehen. Man kann klettern müssen und in Höhen gelangen, wo die Luft dünn ist, sodass atmen schwerfällt. Man ist auf sich selber gestellt und der Natur ausgeliefert. Es können Unglücke geschehen, die in einem Augenblick Leben verändern. So verändern, dass man danach nicht mehr reisen kann. Ein Leben wird dadurch zum Überleben. Reisen schaffen Erinnerungen. Was geschieht, wenn sie durcheinandergeraten? Otto Eichendorff ist genau das passiert.

Roswita steht im Regen an einem frischen Grab und versucht in den Tagen danach, das Leben eines ihr Unbekannten zu rekonstruieren. Per Post hatte sie ein Dossier erhalten, auf dessen Umschlag in Grossbuchstaben ‚Otto Eichendorff‘ geschrieben steht. Nach dem regnerischen Tag legt sie sich im Hotelzimmer in ein warmes Bad, bestellt Wein mit zwei Gläsern und stellt sich lauter Fragen. Ein langhaariger, tätowierter Motorradfahrer gesellt sich zu ihr und hilft Klarheit in der Angelegenheit ‚Eichendorff‘ zu erlangen. Sie machen später Fahrten mit dem Motorrad. Schafe und Kühe blicken ihnen nach. Keiner weiss schon, wer der Motorradfahrer ist. Roswita lässt vor dem Einschlafen ihre Hände versonnen über die Tätowierungen ihres unheimlichen Bekannten wandern. Sie will selber auch eine. Eine Schwalbe vielleicht, oder einen Schmetterling auf die Brust, wo es nicht jeder sehen kann.

Otto Eichendorff ist viel gereist und berggestiegen. Er hat fotografiert und über fremde Länder geschrieben, bis eine Tragödie alles veränderte. Er ließ sich danach auf einer regnerischen Insel nieder, besorgte sich einen Hund und nannte ihn Hemingway. Von da an bestand sein Leben nur noch aus täglichen Spaziergängen der Küste entlang.

Ein überraschender Telefonanruf von seinem früheren Verleger schreckte Eichendorff auf. Ob er nicht einen kurzen Text zu einer Fotografie schreiben möchte? Er wolle tun, was er könne, versprach dieser, stellte jedoch fest, dass er sich nicht mehr richtig erinnern konnte. Es gab Aufnahmen, von denen er nicht mehr wusste, was sie zeigten. Er hatte Erinnerungen, zu denen es keine Fotografien mehr gab. Alles verwirrte sich. Am Ende hatte er keine Aufnahme mehr übrig, von der er genau wusste, was darauf zu sehen ist. „Das ist ganz sicher eine Qualle. Eine Qualle, die lautlos durch den Bugschatten eines Bootes gleitet. Wie ein Engel. Wie ein Wasserengel“, dachte Eichendorff bei der letzten Fotografie und starb kurz darauf. Roswita muss nur noch Hemingway aus dem Tierheim holen und sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren lassen, um alles zu einem guten Ende zu bringen.

„Ansichtskarten“ handelt vom Leben und dem Tod bei Menschen und Tieren. Man geht davon aus, dass man nach dem Tod keine Erinnerungen mehr hat. Oder stirbt man, wenn man sich nicht mehr erinnern kann? Und wie steht es mit einem Leben, bei dem es keine erinnerungswürdigen Momente gibt?

 

In überaus sorgfältig formulierten, größtenteils sehr kurzen Sätzen und vielen Wiederholungen schafft Mundwiler eine intensive, dichte Atmosphäre, die völlig konzentriert ist auf die Gedankenwelt der Hauptfigur. Gleichzeitig ist die Geschichte ein raffiniertes Spiel um Traum und Realität, Einbildung und Vorstellungskraft mit unerwartetem Ende. - Dagmar Härter